Sind hauptsächlich Mädchen betroffen? Oder werden Jungs ebenso häufig Opfer von Übergriffen und sexueller Belästigung im Netz?
Eine Studie der Universität zu Köln aus dem Jahre 2005 (Aggression, Gewalt und sexuelle Belästigung in Chatrooms. Eine Untersuchung der Chat-Kommunikation Jugendlicher im Alter zwischen 10 und 19 Jahren. Catarina Katzer, Institut für Wirtschafts- und Sozialpsychologie, Köln 2005) hat ergeben, dass 38,2 % der 10-19-jährigen Chatter ungewollt sexuell angesprochen wurden.
Mädchen wurden häufiger "angemacht" oder zu sexuellen Handlungen vor der Webcam aufgefordert, während Jungen häufiger berichteten, Fotos mit nackten Personen oder Pornos zugeschickt zu bekommen. Insgesamt haben aber nur 8% der betroffenen Mädchen und Jungen überhaupt irgendjemandem davon erzählt. Weil sie sich so sehr schämen.
Studien zufolge wird jedes vierte Mädchen und jeder siebte bis neunte Junge bis zum 18. Lebensjahr Opfer eines sexuellen Übergriffs. Das reicht vom Exhibitionisten bis hin zum schweren sexuellen Missbrauch. Eine Umfrage von SUB/WAY e.V. – einem Projekt der Berliner Jungs e.V. – ergab, dass jeder vierte Junge zu sexuellen Handlungen aufgefordert wurde.
Sexuelle Gewalt gegen Jungen
Jungen als Opfer sexueller Gewalt waren lange Jahre nicht im Blick der (Fach-) Öffentlichkeit.
Doch oft missbrauchen Täter bzw. Täterinnen mehrere Kinder parallel, wobei Mädchen als Opfer eher erkannt und Jungen leichter übersehen werden. Dementsprechend herrscht auch in den Köpfen der meisten Jungen vor, dass sexueller Missbrauch nur Mädchen betrifft. Die Opferrolle lässt sich für Jungen nicht gut mit dem eigenen Selbstbild vereinbaren, in dem Stärke, Kontrolle und Überlegenheit eine große Rolle spielen. Dieses Selbstbild ist Ergebnis der gängigen Vorstellungen, wie ein Junge zu sein hat.
Gerade Jungen, die ein traditionelles Jungenbild verinnerlicht haben, nach dem ein Junge nicht schwach sein darf, bringen sexuelle Übergriffe durch eine erwachsene Person völlig aus der Fassung. Sexueller Missbrauch ist für Jungen sehr verwirrend. Sie wissen nicht genau, was passiert, sie ekeln sich, haben Angst oder Schmerzen, verlieren die Kontrolle und fühlen sich ohnmächtig. All das darf einem Jungen angeblich nicht passieren. Gleichzeitig mögen sie den Missbraucher/die Missbraucherin, sie sind mit ihm oder ihr gerne zusammen.
Einige Jungen, die sexuell missbraucht werden, haben eine Erektion, denn auch in Angstreaktionen reagiert der Körper manchmal mit einem erregierten Penis.
Das heißt nicht, dass der Junge den sexuellen Missbrauch will oder gar genießt, doch der Täter bzw. die Täterin nutzt diese körperliche Reaktion, um dem Jungen aktives Mitmachen und Lust einzureden und zu unterstellen. Gegen diese „körperlichen Beweise“ hat der Junge keine Argumente und der Täter / die Täterin zieht die Geheimnis - Schlinge des „Du hast doch selber Spaß daran, das ist jetzt unser Geheimnis“ zu.
Viele Jungen tun alles, damit niemand ihre Not merkt. Dabei geht es ihnen oft schlecht. Sie wollen, dass der Missbrauch aufhört, wissen aber nicht, was sie machen sollen. Die meisten Jungen denken, sie müssten alles im Griff haben und trauen sich deshalb nicht, sich Hilfe zu holen. Doch haben sie viele Fragen und wissen nicht, wie es weitergehen soll.
Ist der Täter ein männlicher Jugendlicher oder ein Mann, der in einer scheinbar intakten Beziehung mit einer Frau lebt, fragt sich der Junge: "Bin ich etwa schwul, dass der sich von mir reizen lässt?" Diese Ängste machen es für Jungen noch schwerer, sich Hilfe zu holen, denn auch Homosexualität ist ein Tabu, über das viele Erwachsene noch immer Schwierigkeiten haben zu sprechen.
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